
„Zwischen gestern und morgen lag plötzlich viel Platz.“ – Die Wendezeit aus Sicht des PD „Diesbar“
Nach 1990 verändert sich die Nachfrage grundlegend: wegfallende Preisstützen, neue Reisefreiheit und wirtschaftliche Unsicherheit. Der PD „Diesbar“ schildert, wie die Decks leerer wurden – und wie die Treuhand den Weg in einen Neustart ebnete.
Wenn ich – der PD „Diesbar“ – heute am Anleger liege und Menschen einsteigen sehe, die sich auf eine Fahrt über die Elbe freuen, dann wirkt die Wendezeit Anfang der 1990er fast wie ein fernes Echo. Vieles von damals würde man mir heute nicht mehr ansehen. Mein Lack glänzt, meine Maschinen laufen, meine Fahrten sind voll. Doch gerade deshalb lohnt sich der Blick zurück: auf Jahre, die schwierig waren und uns gleichzeitig den Weg in eine neue Zukunft geöffnet haben.
Nach 1990 stand die Flotte zwischen zwei Systemen – und ich mittendrin. Was jahrzehntelang verlässlich funktioniert hatte, war plötzlich anders. Die staatlich gestützten Preise fielen weg, und viele Menschen in Ostdeutschland wollten dorthin reisen, wo sie nie hin durften. Verständlich: Die Ferne lockte. Palmen, Strände, Flugreisen, neue Möglichkeiten. Die Elbe kannte man – die Welt dahinter wollte man entdecken.
So waren meine Decks zwischen 1990 und 1992 spürbar leerer. Nicht aus Ablehnung, sondern weil ein ganzes Land den eigenen Horizont erweiterte. Ich fuhr weiter, aber ruhiger. Und während neue Produkte in die Speisekarte Einzug hielten, wirkten meine Fahrten manchmal wie ein Übergang zwischen gestern und morgen.
Doch schon bald zeigte sich, dass dieser Übergang nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Kapitels war. Die Treuhand prüfte, ordnete und strukturierte – wie bei vielen Betrieben dieser Zeit. Für mich bedeutete das: Es wird entschieden, wie es weitergeht. Und es ging weiter.
Ende 1992 entstand eine neue Unternehmensform, die Sächsische Dampfschifffahrts-GmbH & Co. Conti Elbschiffahrts KG. Ein Name, der sagte: Wir bleiben, wir erneuern uns, wir finden unseren Platz in der neuen Zeit. Ab da begann eine Phase des Neuaufbaus. Man überarbeitete Angebote, dachte Formate neu, rekonstruierte den Schiffspark und suchte Wege, die Menschen wieder an Bord zu holen – nicht aus Gewohnheit, sondern aus Freude.
Und langsam, ganz langsam, wurde es wieder voller. Erst ein paar Gäste, dann Gruppen, Familien, Touristen. Menschen, die feststellten: Eine Dampferfahrt auf der Elbe ist kein Relikt, sondern ein Erlebnis. Ein Stück Heimat. Ein Fenster zur Landschaft. Ein Moment des Durchatmens.
1999 schließlich setzte ein Zeichen: Zum ersten Mal seit der Neugründung erzielte die Flotte wieder Gewinn. Für mich war das kein betriebswirtschaftlicher Meilenstein, sondern ein Gefühl von Rückkehr. Die Nachfrage war wieder da. Die Tradition hatte ihren Platz gefunden – nun im Zusammenspiel mit neuen Anforderungen, neuen Konzepten, neuen Erwartungen.
Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich keine Krise, sondern eine Transformation. Eine Zeit der Neuordnung, der offenen Möglichkeiten, der mutigen Schritte. Die frühen neunziger Jahre waren ein Wendepunkt zwischen zwei Zeiten – und Wendepunkte sind selten bequem, aber oft entscheidend.
Heute fahren wir mit Stolz. Mit Geschichte an Bord. Mit Gästen, die genau diese Mischung aus Tradition und moderner Elbkultur schätzen. Und ich, der PD „Diesbar“, bin Teil davon. Ein Dampfer, der gesehen hat, wie sich ein Land veränderte – und wie eine Flotte ihren Platz im neuen Kapitel fand.
Rückblickend kann ich sagen: Diese Zeit hat uns stärker gemacht. Sie hat uns geerdet. Und sie hat uns vorbereitet auf das Jubiläum, das wir heute feiern – als Flotte, die wieder fährt, verbindet, begeistert.
Denn am Ende geht es uns gut.
Und es geht weiter.
Seit Generationen – und für viele weitere Fahrten entlang der Elbe.