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Zwei Dampfer, ein Blick – und plötzlich ein Rennen

Manchmal reicht ein einziger Moment, um aus einer gewöhnlichen Fahrt eine Geschichte zu machen, die man Jahrzehnte später noch weitererzählt. Dieser eine Sommertag auf der Elbe gehört genau zu diesen Momenten. Das Dampfboot „Königin Maria“ ist auf seiner üblichen Strecke unterwegs, ruhig, beständig, voller Ausflugsgäste. Die Sonne spiegelt sich im Wasser, Kinder lehnen über die Reling, Erwachsene genießen die Fahrt – es ist ein Tag, an dem der Fluss weich wirkt und die Zeit ein wenig langsamer fließt.

Bis am Horizont plötzlich ein zweites Dampfboot auftaucht: das Dampfboot „Dresden“, frisch aus der Werft und auf Probefahrt. Noch ungewohnt glänzend, noch kein vertrauter Teil des täglichen Betriebs – eher wie ein neues Auto, das zum ersten Mal an der Ampel steht. Und wie das manchmal so ist, wenn zwei kräftige Maschinen nebeneinander auftauchen, entsteht etwas, das man nicht planen kann: ein stummer Wettbewerb.

Die beiden Kapitäne sehen sich. Kein Wort, kein Signal, nur ein Blick – der alles sagt. Ein „Na, wollen wir?“ und ein „Probieren wir’s“, in der einzigen Sprache, die zwei Flussschiffskapitäne brauchen. Und so geschieht es, dass sich zwei Dampfboote, jedes mehrere Dutzend Tonnen schwer, auf einem Fluss, der kaum breiter ist als ein guter Atemzug Wasser, plötzlich verhalten wie zwei Autos im Stadtverkehr, wenn die Ampel auf Grün springt.

Die Maschinen arbeiten, die Schaufelräder greifen ins Wasser, das Dampfboot „Königin Maria“ legt vor, das Dampfboot „Dresden“ zieht nach. Auf den Decks wird es unruhig. Erst Lachen, dann Staunen, dann dieses spürbare Knistern, wenn Menschen plötzlich Teil eines unerwarteten Abenteuers werden. Von Ufer zu Ufer wandern neugierige Blicke: Fahren sie wirklich gegeneinander? Ist das ein Rennen?
Aus der Überlieferung ist es wohl eher Seemannsgarn, jedoch erzählt man sich die Geschichte seitdem sehr gern.

Je näher Pillnitz kommt, desto enger wird der Fluss – und damit auch die Frage, wann man wieder in die normale Routine zurückkehren sollte. Doch irgendwo zwischen Spaß und Ernst passiert das, was später die Geschichte bestimmt: Das Dampfboot „Königin Maria“ wirft den Anker – während das Schiff noch Fahrt hat. Warum genau, lässt sich heute rekonstruieren, denn das Dampfboot „Königin Maria“ hatte keinen Rückwärtsgang und musste, um zu wenden, den Anker werfen.

Der Anker greift. Aber er greift falsch: Er rutscht unter das Dampfboot „Königin Maria“, reißt den dünnen Boden auf und schlägt ein Leck, das sofort Wasser zieht. Leichte Panik entsteht. Der Kapitän des Dampfbootes „Königin Maria“ versucht die Passagiere zu beruhigen, spricht laut, spricht ruhig, spricht so, wie man spricht, wenn man weiß, dass jede Sekunde zählt. Die Gäste verlassen das Dampfboot „Königin Maria“ so schnell es möglich ist.

Und dann endet der Tag fast so plötzlich, wie er begonnen hat. Ohne Opfer, ohne größere Verletzungen, ohne bleibende Schäden – außer einem ordentlichen Loch im Rumpf und einer noch größeren Geschichte, die später lachend weitererzählt wird.

Wer das Rennen gewonnen hat? Darüber schweigt die Überlieferung. Vielleicht ist das auch besser so. Vielleicht ist das wie bei einem Ampelstart: Beide behaupten später, sie waren vorne. Und am Ende zählt sowieso der Augenblick, in dem zwei Kapitäne auf der Elbe einen Moment lang dachten:
„Warum eigentlich nicht?“

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