
„Wir wollten die Elbe öffnen.“ – Die Gründung von 1836 aus Sicht zweier Kaufleute
Am 8. Juli 1836 entsteht die Elbdampfschiffahrts-Gesellschaft. Eine unternehmerische Vision, ein königliches Privileg und ein Stapellauf, der ein neues Kapitel des Verkehrs zwischen Dresden und Hamburg einleitet. Eine erzählerische Annäherung aus der Perspektive von Benjamin Schwenke und Friedrich Lange.
“Hätte man Benjamin Schwenke und Friedrich Lange im Sommer 1836 einen Moment der Ruhe gegönnt, sie hätten wohl gesagt: „Wir stehen am Beginn von etwas, das größer ist als wir selbst.“ Denn in diesen Tagen, als ihr Konzept für eine dampfbetriebene Schifffahrt auf der Elbe angenommen und mit einem königlichen Privileg bestätigt wurde, lag eine Energie in der Luft, die man beinahe greifen konnte.
Sie hatten eine Vision: Die Elbe sollte kein Hindernis mehr sein, sondern ein durchgängiger Handelsweg von Sachsen bis hinauf nach Hamburg. Ein Weg, der Kisten, Säcke, Fässer und Produkte nicht mehr mühsam über Land transportieren ließ, sondern gleitend über das Wasser – zuverlässig, regelmäßig, schneller als alles, was man bis dahin kannte.
Als König Friedrich August II. das Privileg erteilte, war das für die beiden Kaufleute kein formaler Akt, sondern ein Moment echter Bestätigung. Man könnte sich vorstellen, wie sie dort standen, das Dokument in der Hand, und wussten: Jetzt beginnt der Bau. Jetzt beginnt der Fortschritt.
Die Arbeiten am ersten Dampfschiff gingen rascher voran, als viele glaubten. Die sogenannte Königin Maria war nicht einfach ein Schiff, sondern ein Symbol. Ein technisches Versprechen. Ein neues Kapitel für eine Region, die plötzlich den Anschluss an eine moderne Form der Mobilität erhielt.
Man kann sich gut vorstellen, wie Schwenke und Lange am 6. Juni 1837 am Ufer standen. Die Werft voller Menschen, Handwerker, Interessierter, Skeptiker. Und mittendrin sie selbst, mit pochendem Herzen, während dieses große, ungewohnte Konstrukt sich langsam seinem ersten Moment näherte: dem Gleiten in die Elbe.
Vielleicht sahen sie auch, wie König Friedrich August II. – oder einer seiner Vertreter – den Blick hob, als der massige Rumpf in Bewegung kam. Ein Schiff dieser Größe, dieser Bauart, mit diesem Anspruch: Für die meisten war es ein ungewohnter Anblick. Als es schließlich ins Wasser rauschte, könnte der König einen Moment des Staunens gespürt haben. Ein leises, unwillkürliches „Oho“ – ein Hornsignal der Zukunft.
Der Stapellauf war nicht nur ein technischer Moment, sondern ein kollektives Atemholen. Ein Augenblick, der versprach: Von hier aus wird die Elbe anders gelesen.
Denn die Route, die nun möglich wurde, war weit mehr als Dresden – Meißen – Riesa – Torgau – Magdeburg – Wittenberge – Hamburg. Sie war ein Band durch Landschaften, Städte, Wirtschaftsregionen. Ein Band, das die Menschen verband, die Waren in Bewegung setzte und Manufakturen ein neues Tor zur Welt öffnete.
Für die Kaufleute Schwenke und Lange war es ein befriedigender Gedanke: Wo früher Fuhrwerke mühsam über Feldwege rumpelten, würde nun ein Dampfschiff die gleiche Strecke mit stetigem Schlag der Räder zurücklegen. Wo einst Tage vergingen, würden nun Stunden genügen. Wo Transport eine Last war, würde er zu einem planbaren Instrument werden.
Und so erzählten sie später vielleicht in stillen Gesprächen, dass nicht das Schiff selbst der größte Triumph war – sondern das, was es ermöglichte. Der Fortschritt, der entlang der Elbe sichtbar wurde. Die Vorstellung, dass Sachsen und Hamburg nicht mehr „entfernte Partner“ waren, sondern zwei Ufer desselben Flussweges.
Die Gründung der Elbdampfschiffahrts-Gesellschaft war der Ausgangspunkt eines Weges, der die Region prägen sollte. Ein Weg, der Handel, Menschen und Ideen in Bewegung brachte. Und ein Weg, der zeigt: Manchmal beginnt Zukunft nicht mit Lärm – sondern mit einem Stapellauf und zwei Kaufleuten, die genug Mut hatten, der Elbe eine neue Bedeutung zu geben.”