
„Wer sowas fährt, erwartet eigentlich Sibirien.“ – Die Gleitbootjahre der Dresdner Flotte
Zwei sowjetische Hochgeschwindigkeitsboote treffen in den 1970ern auf die enge, kurvenreiche Elbe. Werftarbeiter erinnern sich an Kraft, Lärm – und die Erkenntnis, dass manche Technik einfach nicht hierher passt.
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Mehr InformationenAls die sowjetischen Gleitboote „NEWA“ und „MOSKWA“ in den 1970er-Jahren in Dresden eintrafen, war schnell klar, dass hier ein außergewöhnliches Experiment begann. Die Boote vom Typ „Sarja“ waren eigentlich für sibirische Distanzen gebaut: lange, weite Flüsse, kaum Brücken, kaum Kurven, kaum Einschränkungen. Ausgerüstet mit einem 750-PS-Dieselmotor, steuerbarem Wasserstrahlantrieb und einer Höchstgeschwindigkeit von 43 km/h wirkten sie wie technische Kraftpakete – gebaut, um in atemberaubendem Tempo Menschen über große Strecken zu transportieren.
In Laubegast standen zwei Werftarbeiter nebeneinander, als das erste Boot aufgebockt wurde. Sie sahen nicht überrascht aus – eher konzentriert. Handwerkerblick. Fachlicher Respekt. Und ein Hauch von „Was genau passiert hier?“
„Also gut“, begann einer und fasste die technischen Daten zusammen, als würde er ein Prüfprotokoll sprechen. „750 PS. Wasserstrahlantrieb. In acht bis zehn Sekunden aus voller Fahrt zum Stillstand. Für 57 Passagiere. Flach gehend, kann direkt auf ein Ufer auffahren.“
Der andere nickte langsam.
„Das ist ein beeindruckendes Stück Technik. Keine Frage.“
Beide schauten eine Weile auf den Bug, auf die eigenwillige Form, auf die Kraft, die unter der Hülle schlummerte.
„Ganz schöner Brummer hinten rum, oder?“, meinte schließlich einer – ohne jede Wertung, nur feststellend.
„Ein ernstzunehmender russischer Stadtbus auf Wasser. Müssmer bissl was umbaun.“
Sie lächelten. Nicht spöttisch, sondern ehrlich fasziniert.
Doch dann kam der Moment, in dem technische Begeisterung auf praktische Erfahrung traf.
„Jetzt stell dir dieses Boot mal auf der Elbe vor“, meinte der Erste. „Kurve – Brücke – Ausflugsschiff – Fähre – Anwohner am Ufer. Und wir bringen hier ein Fahrzeug unter, das eigentlich dafür gedacht ist, mit 60 km/h durch einen Porzellanladen zu fahren.“
Der zweite zog eine Augenbraue hoch.
„Und trotzdem würde der Elefant besser bremsen.“
Es war ein trockener Satz, der den Nagel auf den Kopf traf.
Denn in der Realität zeigten die Probefahrten genau das: Das Boot war zu schnell für die Flussgeometrie. Zu laut für bewohnte Ufer. Zu kraftvoll für den Linienverkehr. Bei jeder Begegnung musste die Turbine drastisch gedrosselt werden, um keinen Wellenschlag zu erzeugen, der andere Schiffe gefährdete. Der Dieselverbrauch war enorm. Die Anwohner beschwerten sich. Und auf den langen geraden Strecken, für die das Boot eigentlich konstruiert war, fuhr man in Dresden schlicht nicht.
Die beiden Werftarbeiter wussten es schon vorher.
Sie wussten es, als sie das Boot das erste Mal sahen.
Sie wussten es, als sie über die technischen Daten sprachen.
Und sie wussten es, als sie am Ende des Tages wieder in die Werkstatt gingen.
„Wir probieren es“, sagte einer. „Aber wundern dürfen wir uns später nicht.“
Und genau so kam es.
Zwischen 1974 und 1980 wurden die Gleitboote eingesetzt, zunächst sogar auf einer Schnellverbindung zwischen Dresden und Bad Schandau. Doch der hohe Verbrauch, die starke Wasseraufwirbelung und die fehlende Möglichkeit, die Leistung auszunutzen, führten schließlich dazu, dass sie nach wenigen Jahren wieder aus dem Fahrplan verschwanden.
Die „MOSKWA“ ging ans Wasserstraßenamt Magdeburg.
Die „NEWA“ landete an der Talsperre Kriebstein – und kam dort nie zum Einsatz.
Was bleibt, ist eine Geschichte, die heute fast wirkt wie ein technisches Märchen.