
„Wenn ein Dampfer kam, tanzte ich“ – Frau Minnas Geschichte
Um 1930 wird eine alte Dame aus Obervogelgesang zur „Tanzfee“ der Elbe. Mit einem roten Sonnenschirm begrüßt sie jeden Dampfer – und für das Konzertschiff hebt sie sogar die Füße. Eine Erzählung aus ihrer Perspektive über Tage am Ufer, über Freude, Routine und den Zauber des Schiffsverkehrs.
Ich weiß nicht, wann genau es angefangen hat. Irgendwann stand ich einfach öfter unten am Ufer von Obervogelgesang und schaute auf die Elbe hinüber. An manchen Tagen glitt sie still vorüber, als würde sie schlafen. An anderen Tagen raschelte das Wasser gegen die Steine, so lebendig wie die Menschen im Dorf. Und irgendwann merkte ich: Wenn ein Dampfer kam, dann veränderte sich alles. Das Geräusch, das Licht, der ganze Moment. Es war, als würde der Fluss selbst kurz aufwachen.
Die Schiffe aus Dresden hörte man schon, bevor man sie sah. Erst ein tiefes Stampfen, dann das charakteristische Schlagen der Schaufelräder. Und ich stand da – nicht aus Pflicht, sondern weil es mir Freude machte. Ich war nicht mehr die Jüngste, das stimmt. Aber mein roter Sonnenschirm, der war immer dabei. Den hielt ich hoch, so dass die Menschen an Bord mich sehen konnten. Nicht, weil ich wichtig war, sondern weil ein Gruß auf dem Fluss etwas Schönes ist. Man weiß nie, wen man damit erreicht.
Aus meiner Sicht vom Ufer aus konnte ich viel erkennen. Die Decks waren wie kleine Bühnen. Manchmal standen Familien dort, neugierig über das Geländer gebeugt. Manchmal Paare, die still nebeneinanderstanden. Ich sah Kinder, die zurückwinkten, und Männer, die mit den Hüten grüßten. Und dann wieder Menschen, die einfach nur das Wasser betrachteten, als würde es ihnen Geschichten erzählen. Jede Fahrt brachte ein anderes Bild.
Die Dampfer aus Dresden kamen groß und selbstbewusst elbaufwärts, mit dunklem Rauch, der hochstieg und sich über der Landschaft verlor. Und wenn die Sonne gut stand, glänzten die Fenster wie kleine Spiegel. Ich empfand es immer als Geschenk, sie vorbeiziehen zu sehen. Vielleicht war das der Grund, weshalb ich irgendwann angefangen habe, nicht nur zu grüßen, sondern auch zu tanzen.
Das Konzertschiff war mein besonderer Moment. Man hörte es schon auf Distanz: Die Musik wehte über den Fluss wie eine Einladung. Und wenn die Klänge näher kamen, wenn sich die Melodie über das Wasser trug, konnte ich nicht stillstehen. Also nahm ich meinen Sonnenschirm, stellte mich so, dass mich das Licht traf – und hob die Füße. Nicht hoch, nicht wild, aber mit Herz. Ein paar Drehungen auf dem Gras, ein vorsichtiges Schwingen, manchmal nur ein Schritt zur Seite. Aber die Musik ließ mich nicht los, und ich ließ sie nicht vorbeiziehen, ohne ihr etwas zurückzugeben.
Ich habe oft gesehen, wie Menschen an Bord lachten, wenn sie mich bemerkten. Manche winkten, manche zeigten auf mich, manche klatschten sogar. Ich glaube nicht, dass sie wussten, wer ich war. Es war auch nicht wichtig. Wichtig war das kleine Band zwischen Ufer und Wasser, zwischen mir und den Menschen dort drüben. Vielleicht war es das, was mich Jahr für Jahr wieder zum Ufer zog.
Die Aufnahme von 1932 – ja, sie zeigt mich wirklich. Hut, Schirm, ein Lächeln. Kein besonderer Anlass, nur ein Tag, an dem ein Dampfer vorbeifuhr. Und manchmal denke ich, dass dieses Bild etwas festhält, das viel größer ist als eine alte Frau am Fluss: Es zeigt einen Moment der Freude, der nichts kostet, außer ein bisschen Zeit und ein bisschen Mut, einfach zu schwingen, wenn die Musik ruft.
Ich war nie mehr und nie weniger als Minna aus Obervogelgesang. Aber an der Elbe, wenn das Konzertschiff kam, durfte ich für einen Augenblick die Tanzfee sein. Und vielleicht ist das genug für ein ganzes Leben.