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Schatzsuche bei Tiefstpegel – Ein Dresdner Sommer 1904

Wir wissen nicht mehr, wer von uns zuerst die Idee hatte. Vielleicht war es der Vater, vielleicht die Mutter. Vielleicht auch einfach der Blick auf die Elbe an diesem Morgen. So wenig Wasser hatten wir sie noch nie gesehen.

Es war Sommer 1904. Die Elbe führte extrem niedrigen Pegel. Wo sonst Strömung war, lagen Sand, Steine und dunkle Spuren frei. Die Dampfschiffe der Sächsisch-Böhmischen Dampfschifffahrt lagen untätig am Ufer oder auf flachen Strecken fest. Kein Lärm der Maschinen, kein Kommen und Gehen – nur Stille und ein Fluss, der sich ungewohnt offen zeigte.

Also gingen wir los.

Nicht aus Not, sondern aus Neugier. Wie viele andere Dresdner auch. Familien, Kinder, Spaziergänger. Alle zog es hinunter ans Flussbett. Man konnte Stellen betreten, die sonst unerreichbar waren. Der Boden war fest, manchmal schlammig, manchmal hart wie ein Weg.

Wir suchten nicht gezielt. Wir schauten einfach. Und fanden Dinge.

Alte Nägel. Verbogene Metallstücke. Scherben. Münzen vielleicht – oder zumindest etwas, das einmal eine gewesen sein könnte. Dinge, die jemand verloren hatte. Dinge, die von Brücken gefallen waren. Dinge, die vielleicht schon Jahrzehnte dort lagen und nun wieder Licht sahen.

Man erzählte sich Geschichten. Dass irgendwo Gold liegen müsse. Dass der Fluss früher alles mitgenommen habe. Dass sogar ein goldenes Kruzifix irgendwo im Schlamm stecken solle, seit es einst in die Elbe gestürzt war. Ob das stimmte, wusste niemand. Aber die Vorstellung reichte.

Die Kinder sammelten mit ernster Miene. Die Erwachsenen beugten sich, hoben auf, wogen in der Hand, schüttelten den Kopf und legten manches wieder zurück. Es ging weniger um den Fund als um den Moment.

Natürlich wussten wir, dass für die Dampfschifffahrt diese Zeit schwierig war. Der Verkehr ruhte über Wochen. Der Fluss war nicht befahrbar. Aber an diesem Tag war das nicht unser Blick. Für uns war die Elbe kein Verkehrsweg, sondern ein Ort.

Ein Ort voller kleiner Geheimnisse.

Heute, viele Jahre später, wissen wir: Das war kein Goldrausch. Niemand wurde reich. Aber reich an Erinnerungen vielleicht. An einen Sommer, in dem der Fluss sein Inneres zeigte – und eine Stadt für kurze Zeit inne hielt.

Die Elbe gab frei, was sie sonst verbirgt.
Und wir waren einfach da, um hinzusehen.

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