
„Hätte man damals einen Arzt gefragt…“ – Medizin auf dem PD „Leipzig“ im Krieg
Ab 1944 wird der PD „Leipzig“ für Lazarett- und Evakuierungsfahrten eingesetzt. Vier Rettungsfahrten, ein provisorischer Operationsraum an Bord und extreme Bedingungen auf der Elbe. Eine Erzählung in jener Perspektive, die ein Arzt wohl gewählt hätte – wenn man ihn 1944 befragt hätte.
Ab 1944 wird der PD „Leipzig“ für Lazarett- und Evakuierungsfahrten eingesetzt. Vier Rettungsfahrten, ein provisorischer Operationsraum an Bord und extreme Bedingungen auf der Elbe. Eine Erzählung in jener Perspektive, die ein Arzt wohl gewählt hätte – wenn man ihn 1944 befragt hätte.
Hätte man 1944 einen der Ärzte interviewt, hätte er uns vermutlich diese Geschichte erzählt. Denn was sich in diesen Jahren auf dem PD „Leipzig“ ereignete, ist nur schwer vorstellbar, wenn man es nicht aus der Nähe betrachtet. Ein ziviler Dampfer, der zum Lazarettschiff wurde. Ein Raum, der heute als Kiosk bekannt ist, damals jedoch als Operationsraum diente. Und ein Fluss, der im Krieg zu einem Weg voller Gefahren wurde.
Ab 1944 änderte sich die Rolle des Schiffes grundlegend. Der Tarnanstrich machte aus dem vertrauten Dampfer ein unauffälliges, beinahe fremdes Fahrzeug. Die Mannschaft trug nicht mehr nur Verantwortung für Fahrgäste, sondern für Menschen, deren Leben in wenigen Minuten entschieden werden konnte. Die Elbe wurde zum schmalen Korridor der Hoffnung – und manchmal auch zum Prüfstein.
Wenn ein Arzt heute davon berichten könnte, würde er wahrscheinlich beschreiben, wie beengt alles war. Wie sich der Geruch von Öl, kalter Luft und medizinischem Besteck im kleinen Raum verdichtete. Wie die vibrierenden Maschinen dafür sorgten, dass kein Handgriff selbstverständlich war. Dass jede Operation im Rhythmus der Schaufelräder stattfand – mal mit kaum spürbarem Zittern, mal mit einem Beben, das man in der eigenen Brust fühlte.
Die schwierigsten Fahrten begannen im Winter 1944/45, als Hochwasser die Elbe anschwellen ließ. Die erste dokumentierte Rettungsfahrt fand am 14. Februar 1945 statt. Der PD „Leipzig“ musste sich durch bewegtes, unberechenbares Wasser kämpfen, während im Inneren Menschen lagen, die dringend Hilfe benötigten. Ein Arzt würde heute wohl sagen, dass man in diesen Momenten nicht wusste, was gefährlicher war – die Verletzungen der Patienten oder die unruhige Elbe.
Vier solcher Rettungsfahrten fanden statt. 440 Menschen wurden transportiert – viele schwer verletzt, manche kaum ansprechbar. Wenn der PD „Leipzig“ anlegte, warteten Träger, Helfende, manchmal nur stille Reihen von Menschen, die hofften, dass die Fahrt ihnen einen sicheren Ort bringen würde.
In einem rückblickenden Bericht eines Arztes hätten wir vielleicht Sätze gefunden wie:
„Wir operierten, während der Rumpf vibrierte.“
„Manchmal mussten wir uns gegenseitig stützen, weil der PD „Leipzig“ sich gegen die Strömung stemmte.“
„Es war ein Lazarett auf bewegtem Boden.“
Doch selbst ohne diese Worte wissen wir: Die Bedingungen waren extrem. Viele Operationen fanden während laufender Fahrt statt, weil keine Minute verloren werden durfte. Während draußen Kälte herrschte, musste drinnen die Ruhe bewahrt werden – so gut es ging.
Ein echter Zeitzeuge könnte uns heute erzählen, wie man sich an jeden Moment klammerte, in dem eine Operation gelang. Wie sehr man hoffte, dass der PD „Leipzig“ nicht noch stärker schwankte. Und wie sehr man spürte, dass Menschlichkeit selbst in schwersten Zeiten ihren Platz findet – manchmal auf wenigen Quadratmetern, die gerade genug Raum für einen Operationstisch boten.
Der PD „Leipzig“ war in diesen Jahren mehr als ein Dampfer. Er wurde zum Übergang zwischen Gefahr und Rettung. Zum schaukelnden, vibrierenden Behandlungsraum. Und zum Beweis dafür, dass selbst unter Kriegsbedingungen Menschen alles geben, um andere zu schützen.
Hätte man also 1944 einen Arzt gefragt, hätte er uns wohl erzählt, was es bedeutete, auf einem fahrenden Dampfer zu operieren. Und dass jeder erfolgreiche Eingriff nicht nur Können, sondern auch Mut zeigte – getragen von einem Schiff, das im Hintergrund die Klammer dieser außergewöhnlichen Geschichte bildete.