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Eine Nacht im Nebel – Die kleine Legende der Geisterfahrt

Es war eine laue Sommernacht Ende der 20er Jahre. Der Raddampfer “Leipzig” hätte zu dieser Zeit eigentlich längst im Hafen liegen sollen. Doch eine Sonderfahrt für ein Dresdner Künstlerensemble führte ihn noch einmal hinaus auf die dunkle Elbe.

An Bord herrschte Leichtigkeit. Es wurde musiziert, gelacht, getanzt. Die Lichter der Stadt verloren sich langsam hinter den Bögen des Flusses. Das Wasser lag ruhig, der Dampfer arbeitete gleichmäßig, als wäre die Nacht eigens für diese Fahrt gemacht.

Dann zog Nebel auf.

Nicht dramatisch, nicht plötzlich. Er kam schichtweise, legte sich über das Wasser und nahm dem Fluss Stück für Stück seine Konturen. Ufer verschwanden, Entfernungen wurden unklar. Die Musik verstummte, Gespräche wurden leiser. Übrig blieb das rhythmische Schlagen der Schaufelräder und das leise Arbeiten des Schiffes.

Aus heutiger Sicht hätte man sagen können: Es fühlte sich an wie ein Bild von Caspar David Friedrich. Mondlicht, Nebel, ein Schiff im Übergang zwischen Sicht und Ahnung. Nur dass dieses Bild sich bewegte – langsam, elbaufwärts, mit Gästen an Deck.

Und dann begannen die Geschichten.

Manche meinten später, sie hätten Stimmen gehört. Alte Melodien, Seemannslieder, irgendwo zwischen Wasser und Nebel. Natürlich sang an diesem Abend kein Shanty-Chor auf der Elbe. Niemand hatte sich heimlich an die Reling gestellt, um Geisterlieder anzustimmen. Wahrscheinlicher ist, dass der Nebel Geräusche trug, verstärkte und verzerrte – und dass Fantasie und Stimmung ein wenig mithalfen.

Der Kapitän blieb ruhig. Für ihn war es keine Geisterfahrt, sondern eine dieser Situationen, in denen der Fluss zeigt, dass er mehr kann als Strecke sein. Der Dampfer fuhr sicher weiter. Bedacht, konzentriert, ohne Eile. Aus einem fröhlichen Fest wurde ein gemeinsames Innehalten.

Nach etwa einer Stunde lichtete sich der Nebel. Nicht abrupt, sondern wie ein Vorhang, der langsam zur Seite gezogen wird. Vor den Gästen erschien die Silhouette von Schloss Pillnitz, ruhig und klar im Mondschein. Ein Anblick, der niemanden unberührt ließ.

Es wurde still an Bord. Nicht aus Angst, sondern aus diesem besonderen Gefühl heraus, etwas erlebt zu haben, das sich nicht wiederholen lässt. Später erzählte man sich die Geschichte weiter. Von Nebel, von Stimmen, von Gestalten, die man vielleicht gesehen haben wollte.

War es eine Geisterfahrt? Wahrscheinlich nicht.
Aber es war eine dieser Nächte, in denen der Fluss selbst Regie führte –
und aus einer ganz normalen Fahrt eine kleine Dresdner Legende wurde.

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