
Die Schifffahrt, seine Heimat
Die Geschichte von Jochen Haubold – vom Schifferkind zum Nautischen Leiter der Weißen Flotte
„Es gibt Menschen, die sagen, sie seien auf dem Wasser groß geworden.”
Bei Jochen Haubold ist das nicht nur eine Redewendung.
Während andere Kinder morgens in den Kindergarten gebracht wurden, wachte Jochen auf einem Frachtschiff auf. Sein Vater war Partikulier, fuhr ein eigenes Binnenschiff. Die Elbe war kein Ausflugsziel, sondern Alltag im hohen Norden. Die Mittellandgewässer sein Zuhause. Maschinenlärm ersetzte Spielplatzgeräusche, der Blick aufs Wasser das Fenster zum Hof. Schiff, Eltern, Fahrt – das war Familie.
Der erste Bruch kam früh. Schulpflicht bedeutete: an Land gehen. Weg vom Schiff. Für Jochen war das kein Fortschritt, sondern Verlust. Doch der Traum blieb klar. Er wollte Schiffer werden. Nichts anderes. Kein Plan B.
Der Vater sah das nüchterner. Wie viele Schiffer sagte er den Satz, den man in der Branche kennt:
“Lern was Vernünftiges. Schifffahrt lohnt nicht mehr.”
Jochen hörte zu – und ließ sein Ziel nicht aus dem Auge.
Er sammelte Fahrzeit, wo immer es ging. Ferien auf Schiffen statt Pausen. Praxis statt Theorie. In der Binnenschifffahrt zählen Tage, Einträge, Erfahrung. So war er Steuermann ohne Patent, hatte Verantwortung ohne Titel. Anerkennung nicht durch Worte, sondern durch Leistung.
Das Leben führte ihn zwischendurch an Land. Ein familiärer Umzug nach Dresden führte ihn zur kaufmännischen Ausbildung. Gastronomie. Organisation. Verantwortung. Doch Schifffahrt blieb im Kopf. Nicht als Frage. Als Ziel.
Zur Sächsischen Dampfschifffahrt kam er somit nicht zufällig.
Er wollte dorthin. Unbedingt.
Er bewarb sich mehrfach. Fragte nach. Blieb dran. War beharrlich. Vielleicht nervig. Aber ernsthaft. 2004 ergab sich eine Möglichkeit – und Jochen griff zu. Ausbildung, Einstieg, Matrose. Mitten hinein in eine Gemeinschaft, die nicht leicht zugänglich ist.
Es gab Skepsis. Vorurteile. Herkunft spielte eine Rolle. Anerkennung kam nicht automatisch. Also arbeitete er. Früh, spät, hart. Er lernte jedes Schiff von unten kennen. Maschinenräume, Decks, Abläufe. Erst verstehen, dann führen.
Er absolvierte die Ausbildung zum Binnenschiffer verkürzt – aus Überzeugung. Er wollte alles können, was man können muss, um Verantwortung zu tragen. Es folgten Patent, Schiffsführung, Einsatz. Später Planung, Organisation, Charter, Ausbildung anderer.
Heute ist Jochen Haubold Leiter Nautik der Weißen Flotte Sachsen und seit 01. Juli 2024 Prokurist. Er plant Einsätze, verantwortet Fahrpläne, trifft Entscheidungen, die niemand bemerkt, solange sie funktionieren. Er arbeitet mit Niedrigwasser nicht als Ausnahme, sondern als Normalität. Mit Erfahrung statt Panik.
Wenn er sagt, die Weiße Flotte sei sein Zuhause, dann ist das kein Pathos. Es ist eine Rückkehr. Vom Wasser aufs Land – und wieder zurück. Mit mehr Verantwortung, mehr Überblick, mehr Geschichte.
Es ist die Geschichte eines Menschen, der nie aufgehört hat, auf das Wasser zu hören.
Der geblieben ist, wo andere gegangen sind.
Und der aus einem Kindheitstraum eine Lebensaufgabe gemacht hat.
Still. Beharrlich. Mit Herzblut und getragen von dem Wasser – heute die Elbe.