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Der Dampfer, der einfach machte

Die Geschichte des PD „Pirna“ ist keine Geschichte von Glanz und großen Auftritten. Sie ist eine Geschichte von Arbeit. Von Zweck. Von Selbstverständlichkeit.

Gebaut im Jahr 1898 auf der Werft Blasewitz – gemeinsam mit dem PD „Karlsbad“ (später PD „Junger Pionier“) – gehörte der PD „Pirna“ zu den letzten Dampferneubauten seiner Zeit. Er entstand in einer Epoche, in der Technik vor allem eines sein musste: zuverlässig. Nicht repräsentativ, sondern brauchbar.

Das bedeutet nicht, dass der PD „Pirna“ nie glänzte.
Im Gegenteil: Bei seiner Indienststellung entsprach er – wie seine Schwesterschiffe – dem damaligen Stand von Komfort und technischem Anspruch. Salons, Ausstattung und Gestaltung folgten dem Selbstverständnis einer modernen Personenschifffahrt um 1900, die Fortschritt nicht nur leisten, sondern auch zeigen wollte.

Doch gerade darin liegt eine Besonderheit seiner Geschichte.
Der PD „Pirna“ hätte repräsentieren können. Er hätte sich in den Vordergrund drängen können. Stattdessen wurde er im Laufe seiner Dienstjahre immer wieder dort eingesetzt, wo er gebraucht wurde. Seine Qualität lag nicht im Verzicht auf Glanz, sondern in der Bereitschaft, ihn zurückzustellen.

Ursprünglich trug der PD „Pirna“ – wie viele Schiffe jener Zeit – einen monarchischen Namen. Doch am 29. Mai 1919 wurde er umbenannt. Der neue Name stand waagerecht im Radkastenwappen – nüchtern, sachlich, ortsbezogen. Hintergrund war eine politische Entscheidung: Auf Verlangen der tschechoslowakischen Regierung mussten die Namen von 14 Personendampfern geändert werden. Monarchische Bezüge sollten verschwinden, andernfalls drohte der Entzug der Konzession für die böhmische Elbstrecke. Fortschritt bedeutete hier Anpassung – auch im Namen.

Und genau darin zeigte sich die Haltung des PD „Pirna“.

Während andere Personendampfer stärker für Ausflüge, Feste oder Repräsentation standen, wurde der PD „Pirna“ immer wieder dort eingesetzt, wo er funktional gebraucht wurde. Er war Transportmittel, Arbeitsplattform, Büroschiff. Kein Schmuckstück, sondern ein Werkzeug.

Besonders deutlich wurde das während des Zweiten Weltkriegs. Ab 1943 diente der PD „Pirna“ als Material-Zwischenlager für die Junkers-Zwischenbetriebe. Ab 1944 fuhr er im getupften Tarnanstrich und wurde als sogenanntes Büroschiff bei den Junkers-Flugzeugwerken in Dessau eingesetzt – unter Kapitän Fritz Winkler. Im Wallwitzhafen Dessau wurde der PD „Pirna“ bombardiert. Die Mannschaft rettete sich hinter Holzstapel im Hafengelände. Auf dem Schiff gingen unzählige Scheiben zu Bruch, doch der PD selbst blieb – entgegen späterer Gerüchte – unversehrt.

Im August 1945 wurde der PD „Pirna“ beschlagnahmt. Der Versicherungswert wurde auf 200.000 Reichsmark festgelegt. Im September 1945 ordnete Major Fomin die Rückführung des PD „Pirna“ nach Dresden an. Zunächst überwinterte er im Hafen Loschwitz, bevor er im April 1946 zur Reparatur und Neubestückung des in den Nachkriegswirren geplünderten Inventars auf die Werft Laubegast verlegt wurde. Eine Generalüberholung folgte – wieder kein Neubeginn mit Pomp, sondern ein Weiterarbeiten.

Über viele Abschnitte der Laufbahn des PD „Pirna“ wissen wir bis heute zu wenig. Es fehlt Bildmaterial. Es fehlen Berichte. Gerade deshalb steht der PD „Pirna“ exemplarisch für all jene Personendampfer, deren Geschichten nicht lückenlos dokumentiert sind – obwohl sie das Rückgrat des Alltags bildeten.

Und doch taucht der PD „Pirna“ immer wieder auf. Etwa am 6. Mai 1989, als der festlich geschmückte PD „Pirna“ in Pirna Kulisse für eine Fernsehaufzeichnung der DDR-Sendung „Alles singt“ wurde. Für einen Moment rückte er ins Licht – ohne seine Haltung zu verlieren.

Der PD „Pirna“ erzählt von einer Flotte, die mehr geleistet hat, als man ihr ansieht. Von Schiffen, die sich politischen Systemen, industriellen Anforderungen und gesellschaftlichen Umbrüchen untergeordnet haben – nicht aus Schwäche, sondern aus Verlässlichkeit.

Vielleicht ist genau das seine größte Qualität.

Ein PD, der nicht fragte, wofür.
Sondern einfach fuhr.

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