
Der Ausnahmewinter 1917 und der Stillstand der Dampfer
Hochwasser am 6. Januar, eine durchgehende Eisdecke ab 29. Januar: Die Elbe erlebt 1917 einen Monat, der alles verändert. Für die sächsisch-böhmische Dampfschifffahrtsgesellschaft bedeutet er Stillstand inmitten bitterer Kälte und einer Zeit, die ohnehin von Entbehrung geprägt ist.
Der Januar 1917 beginnt in einer Atmosphäre, die schwerer kaum sein könnte. Die Menschen leben im dritten Kriegswinter des Ersten Weltkriegs. Kohle ist knapp, Wohnungen bleiben kalt, Wassereimer gefrieren in den Häusern. Wer morgens durch die Straßen Dresdens geht, sieht Atemwolken, die wie feiner Nebel über dem Kopf hängen bleiben. Inmitten dieser angespannten Zeit richtet sich der Blick immer wieder auf die Elbe – jenen Fluss, der seit Generationen Leben, Arbeit und Verbindung bedeutet.
Am 6. Januar steigt das Wasser. Zunächst nur ein paar Finger breit, dann schneller, dann so hoch, dass an den Ufern kaum noch ein vertrauter Weg zu erkennen ist. Die Elbe wird breiter, brauner, unruhiger. Sie hebt sich über ihre Grenzen, läuft in Keller und Lagerräume, frisst sich an Treppen und Hafenkanten entlang. Für die Sächsisch-Böhmische Dampfschifffahrtsgesellschaft bedeutet das vor allem eines: absolute Vorsicht. Die Schiffe bleiben vertäut, weit weg von der Möglichkeit, auszurücken. Keine Fahrt ist möglich. Jede Arbeit am Schiff ist ein Kampf gegen die Kälte, die in Takelage, Metall und Holz kriecht.
Als das Hochwasser sich langsam zurückzieht, bleibt kaum ein Moment der Erleichterung. Denn die Temperaturen sinken weiter ab – tiefer als gewohnt, schärfer als viele es je erlebt haben. Und Ende Januar geschieht etwas, das selbst die ältesten Schiffer lange nicht gesehen haben: Die gesamte Elbe friert zu. Von Pirna-Posta elbaufwärts bis nach Leitmeritz liegt der Fluss unter einer geschlossenen Eisdecke. Kein Riss, kein Wasserlauf, kein Geräusch der Strömung.
Für die sächsisch-böhmische Dampfschifffahrtsgesellschaft bedeutet das einen Zustand, der kaum deutlicher beschrieben werden kann: völliger Stillstand. Kein Kessel wird angeheizt, kein Schornstein raucht, kein Schaufelrad dreht sich. Die Dampfer liegen wie eingefrorene Tiere am Ufer, eingekeilt von Eis, dessen Druck gegen die Rümpfe spürbar ist. Die Bordwände knacken in der Kälte, Taue werden hart wie Stangen, Metall beschlägt sofort, wenn ein Mensch es berührt.
Der Fluss, der sonst ständig in Bewegung ist, wirkt wie angehalten. Wer in diesen Tagen an den Kai tritt, erlebt ein Bild, das zugleich beeindruckt und beunruhigt: eine weiße, harte Fläche, die sich über Kilometer zieht. An manchen Stellen wandern Menschen über das Eis, vorsichtig, unsicher, doch erfüllt von dem Wissen, Zeugen eines extremen Winters zu sein. Nebel hängt tief über der Fläche, als würde er die Geräusche dämpfen, die von den Ufern herüberdringen.
Für die Menschen an Bord und an Land ist diese Zeit eine Prüfung. Die Dampfschifffahrt ist ein wesentlicher Teil des Lebens entlang der Elbe, doch nun steht sie vollständig und unausweichlich still. Keine Fahrten, keine Transporte, keine Bewegungen – nur Bewachung, Instandhaltung und das stetige Abklopfen der Frage, wie lange die Natur diesen Zustand aufrechterhält. Die Abhängigkeit vom Fluss zeigt sich in voller Härte.
Wenn die Temperaturen später wieder steigen und die ersten Risse durch das Eis wandern, beginnt die Elbe langsam, ihr vertrautes Gesicht zurückzuerlangen. Doch der Winter 1917 bleibt ein Kapitel, das eindrucksvoll zeigt, wie sehr die Dampfschifffahrt — damals wie heute — im Rhythmus der Natur lebt. Ein Monat, der die Schiffe zum Schweigen brachte und den Menschen vor Augen führte, wie eng Technik und Landschaft miteinander verbunden sind.